Wieder einmal hat es uns, meine Freundin Monika und mich, an das nördliche Meer gezogen. Genauer gesagt, in das Ostseebad Boltenhagen.

Ein gemütliches Bad für die ganze Familie, das allerdings rasch wächst und seinen Charakter dabei verändert: Schon gibt es einen Yachthafen, der sehr schick ist und verdächtig an Sylt, die Schickeria-Insel, erinnert. Aber ich wollte gar nicht von den Veränderungen in dem kleinen Ostseebad berichten, sondern davon, was uns unterscheidet, die Nordostdeutschen und diejenigen aus den alten Bundesländern.

Landschaft

Jedes Mal überwältigt mich die Landschaft! Diese Weite, diese ruhige Endlosigkeit, diese atemgebende Grenzenlosigkeit. Sind Menschen, die in so einer kargen, unverbauten Weite leben, entsprechend gelassen und großzügig? Ich weiß es nicht. Aber eines habe ich erlebt: Als meine Freundin Monika in Ribnitz-Damgarten ein Konzert gab, waren die Herzlichkeit des Empfangs, die Freundlichkeit bei Vorbereitung und Durchführung des Konzerts und die anteilnehmende Aufgeschlossenheit umwerfend!

Schifffahrt

Worüber ich mich an der Ostsee immer wieder ärgere, ist, wie weitgehend ausgeschlossen Rollstuhlfahrer sind, wenn es darum geht, dass sie auch einmal eine Schifffahrt die Küste entlang oder auf eine Insel mitmachen wollen. Wenn ich da an den heimischen Bodensee denke: Jedes der Schiffe, die von Ort zu Ort schippern, ist selbstverständlich für Rollstuhlfahrer benutzbar. Viele bieten sogar ein barrierefreies WC.

Softeis

Sie lieben es einfach, die Ostdeutschen! Sie lieben es und halten ihm unverbrüchlich die Treue. Für dieses farbenprächtige hübsch gewellte und in einem neckischen Spitz zusammenlaufende Softeis im Waffeltütchen stehen sie an, in langen Schlangen. Und dann quillt er heraus aus der Eismaschine, dieser breiig zarte, meist künstlich schmeckende – ich habe es probiert! - fruchtig leuchtende Nektar! Diese Götterspeise aus vergangenen DDR-Zeiten. In Wismar war‘s, in einer Fußgängerzone. Auf der einen Straßenseite eine Tafel mit der Aufschrift „original italienisches Eis“! Da saß kein Schwein. Schräg gegenüber in dicken Pinselstrichen auf dem Schaufenster: „DDR-Softeis“. Da saßen die Leute andächtig um die kleinen Tische und schleckten hingebungsvoll mit vor Genuss halb geschlossenen Augen am überquellenden Inhalt ihrer Tütchen. Und wir in München? Was haben wir? Die besten Italiener natürlich und die vielen neuen Eisdielen mit Bio-Eis und den abenteuerlichsten Geschmacks-Variationen. Sehr köstlich oft, oft aber auch unverschämt teuer!

Ausländer

In der zauberhaften alten Stadt Wismar habe ich sie gesehen, die zwei Ausländer. Zwei braunhäutige Frauen in bunten Saris. Schön und auffallend. Ansonsten sind das „ausländerfreie“ Städte, dieses Wismar, Rostock, Stralsund. Wie also sollten die Deutschen in diesen Bundesländern sich gewöhnen können an das Andere, das Fremde, die Flüchtlinge?

Sprache

Das Cafe, bei unserer Ferienwohnung gleich um die Ecke, heißt „Pralinchen“ und ein Friseur, an dem wir in einem kleinen Ort vorbeikamen, nannte sich „Friseursalönchen“. Ein Verleih für Gebrauchsgegenstände am Strand wies auf einem Schild auf seine „Bollerwägelchen“ hin. Hat man in Nordostdeutschland mehr Sinn für niedliche Verkleinerungen als bei uns? Und wenn ja, ist das die größere Nähe zu den slawischen Sprachen, die gerne zärtlich verkleinern?

Bio

Es kommt jetzt allmählich in die Gänge, das Bewusstsein für die Qualität von Lebensmitteln, für den Wert regionaler Produkte. Ein Supermarkt von Boltenhagen hat dem Metzger von Klütz eine eigene Ecke eingeräumt, bestückt mit schmackhaften Wurstwaren nach alten Rezepten. Der Tilsiter Käse, eine Sorte, die in Mecklenburg-Vorpommern erzeugt wird, wird in seiner ganzen Vielfalt angeboten. Es gibt Zusammenschlüsse regionaler Erzeuger mit einem eigenen Logo und so weiter. Und der Tourist profitiert – er lernt so manches Landestypische kennen, das ihm vorzüglich schmeckt!

Neben den landestypischen Auffälligkeiten kann man natürlich auch feststellen, dass wir Bundesbürger trotz aller Unterschiede im Grund recht gleich sind. Und nicht nur mir scheint das so zu sein. Auch der Moderator eines großen, unterhaltenden Konzerts im Kurgarten von Boltenhagen, das wir uns angehört haben, hat darauf hingewiesen, als er schilderte, was er am langen Meeresstrand des Ortes gesehen hat: „So viele leicht bekleidete Menschen – wie Gott sie schuf - und wie McDonalds sie geformt hat!“

Ingrid Leitner