Club Behinderter und Ihrer Freunde e.V.
München und Region

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An einem kalten Tag im letzten Dezember machte sich Großvater Heinrich auf den Weg, um seine Enkelin Lena vom Kindergarten Rappelkiste abzuholen. Im Vorzimmer, wo sich die Kinder aus- und wieder anziehen, liefen die Kinder hin und her, um von den Haken an einer Wand ihre Anoraks und von den flachen Regalen an der anderen Wand ihre Stiefel zu holen. Bis jedes der Kinder einen Platz auf den aufgestellten kleinen Bänken gefunden hatte, damit die Kindergärtnerinnen die Stiefel anziehen konnten, vergingen etliche Minuten.

Enkelin Lena dachte noch nicht ans Anziehen, denn sie stritt sich heftig mit einem anderen Mädchen. Dieses Treiben und eine weitere Beobachtung fand Großvater Heinrich doch sehr amüsant. Ein kleiner Junge hatte beim Stiefelanziehen Probleme und so kniete eine Kindergärtnerin sich nieder, um ihm dabei zu helfen. Mit gemeinsamem Stoßen, Ziehen und Zerren gelang es, zuerst den einen und schließlich auch noch den zweiten Stiefel anzuziehen.
Dann sagte der Kleine zur Kindergärtnerin: “Die Stiefel sind verkehrt herum!” Sie schaute ungläubig auf die Füße des Kleinen. Aber es war tatsächlich so; links und rechts waren vertauscht.
Nun war es für die Kindergärtnerin ebenso mühsam wie beim ersten Mal, die Stiefel wieder abzustreifen. Es gelang ihr aber, ihre Fassung zu bewahren, während sie die Stiefel tauschte und dann wieder anzog, ebenfalls wieder unter heftigem Zerren und Ziehen.
Als diese Prozedur vollbracht war, sagte der Kleine: “Das sind nicht meine Stiefel!” Die Kindergärtnerin schaute den Kleinen etwas ärgerlich an, aber sagte trotzdem in ruhigem Ton: “Warum sagst du das erst jetzt?”
Wieder kniete sie sich nieder und zerrte abermals an den widerspenstigen Stiefeln, bis sie erneut ausgezogen waren. Dann erklärte der Junge kleinlaut: “Das sind nicht meine Stiefel, denn sie gehören meinem Bruder Max, der krank im Bett liegt. Meine Stiefel müssen noch trocknen, weil sie gestern im Dorfteich nass geworden sind. Meine Mutter hat gesagt, ich muss die Stiefel vom Max heute anziehen, weil es so kalt ist.”
Offensichtlich nahm sie nochmals ihre ganze Selbstbeherrschung zusammen und stieß, schob und zerrte die blöden Stiefel wieder an die kleinen Füße. Es war vollbracht.
Dann fragte sie den Jungen erleichtert: “Okay, und wo sind deine Handschuhe?”
Worauf der Kleine antwortete: “Ich hab sie vorn in die Stiefel gesteckt.”
Schmunzelnd nahm der Großvater seine Enkelin Lena an die Hand und machte sich mit ihr auf den Heimweg.

Joachim Flöter
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